(BIERMANN) – Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) hat den Versorgungsbericht 2009 vorgestellt. "Aus den Zahlen wird deutlich, dass wir nach wie vor vergleichsweise einen ausgesprochen guten Versorgungsstandard aufweisen", sagte Dr. Gisela Dahl, im Vorstand der KVBW zuständig für die Sicherstellung.
Aktuell gewährleisten 8013 Haus- und Kinderärzte, 7619 Fachärzte, davon 669 Augenärzte (= 8,8%), sowie 2793 psychologische Psychotherapeuten die ambulante Versorgung in Baden-Württemberg. Der hohe medizinische Versorgungsstandard zeige sich darin, dass nach der Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses über die Bedarfsplanung sowie den Maßstäben der Feststellung von Über- und Unterversorgung in der vertragsärztlichen Versorgung "derzeit nahezu alle Planungsbezirke in Baden-Württemberg als überversorgt gelten, so dass keine neuen Praxen eröffnet, sondern lediglich bestehende übernommen werden könnten", betont die KVBW.
Dahl warnte jedoch davor, dass in Zukunft nicht mehr überall Nachbesetzungen gewährleistet werden könnten. Schon heute sei vor allem im ländlichen Raum festzustellen, dass immer mehr Ärzte, die ihre Praxis übergeben wollten, keinen Nachfolger mehr fänden. Viele Ärzte würden trotz Erreichens des Pensionsalters noch weiterarbeiten oder eben ihre Praxen schließen. "Wir haben in den vergangenen Wochen und Monaten eine Vielzahl von Fragen aus dem Landtag, von Landräten und Bürgermeistern wie Bürgern erhalten, die sich ernstzunehmende Sorgen um die ambulante ärztliche wie psychotherapeutische Versorgung in ihrer Region machen", sagte Dahl.
Die KVBW hat eine detaillierte Darstellung der ambulanten Versorgung sowie der Altersstruktur der Ärzte auf Ebene der Stadt- und Landkreise vorgelegt. Hieraus wird deutlich, "dass der Altersdurchschnitt der Ärzte nahezu überall seit Jahren steigt und auch der Anteil der Ärzte, die heute 60 Jahre und älter sind, flächendeckend zunimmt".
Noch ist keiner der 44 Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg ohne Augenarzt. Die höchste Dichte an niedergelassenen Augenärzten hat derzeit Stuttgart mit 53, gefolgt von Esslingen (32) und dem Rhein-Neckar-Kreis (29). Am unteren Ende der Skala sind der Hohenlohekreis und der Enzkreis mit jeweils fünf Augenärzten zu finden. Im Enzkreis sind jeweils zwei der fünf Augenärzte älter als 50 beziehungsweise älter als 60 Jahre.
Insgesamt sind 139 oder 20,8 Prozent der 669 Kolleginnen und Kollegen in Baden-Württemberg älter als 60 Jahre. Lediglich in Sigmaringen und im Zollernalbkreis gibt es keinen Augenarzt dieser Altersstufe.
Die Berufsausübungsbedingungen für die Ärzte hätten sich nachteilig verändert, konstatiert die KVBW. So hätten die letzte Honorarreform sowie der Gesundheitsfonds die finanzielle Situation für die Ärzte insbesondere in Baden-Württemberg im Vergleich zu anderen Bundesländern "dramatisch verschlechtert". Aber es seien nicht nur die Honorare. Auch das hohe Regressrisiko im Zusammenhang mit Wirtschaftlichkeitsprüfungen im Arznei- wie Heilmittelbereich sowie der ausufernde bürokratische Aufwand trügen dazu bei, dass die Attraktivität des niedergelassenen Arztes als freier Beruf deutlich gesunken sei.
Doch nicht nur wegen der zunehmend schwierigeren Rahmenbedingungen droht laut Dahl ein Ärztemangel: "Eine alternde Bevölkerung mit zunehmend mehr chronisch Kranken und damit einer Vielzahl von neuen Patienten, die eine kontinuierliche ärztliche Versorgung benötigen, stellt die ambulante Medizin vor große Herausforderungen."
Gemeinsame Anstrengungen von KVBW, Ärzten, Kommunen und der Politik seien nötig, um Lösungen zu finden, die den Arztberuf wieder attraktiv gestalten. Die ärztliche Versorgung gerade auch im ländlichen Raum müsse als gesellschaftliche Aufgabe verstanden werden. Vor diesem Hintergrund sieht die KVBW beispielhaft folgende Handlungsfelder zur weiteren Sicherstellung der ambulanten Versorgung: Aufbau eines Frühwarnsystems, Einbezug kommunaler Hilfen, Schaffung besserer Rahmenbedingungen, intensive Nutzung neuer Instrumente, Förderung der Weiterbildung, Schaffung neuer Ausbildungsstrukturen.
"Das Medizinstudium ist nach wie vor sehr gefragt. Wir haben immer noch etwa fünfmal so viele Bewerber als Studienplätze vorhanden sind", erklärt Dahl. "Allerdings steigt die Zahl der Studienabbrecher an und gleichzeitig führt die derzeitige Ausbildung nicht dazu, den Anreiz zu steigern, dass die Ärzte sich später in freier Praxis niederlassen." Es sei daher erforderlich, über Alternativen zum Numerus Clausus als alleinigem Zulassungskriterium nachzudenken und gleichzeitig während des Studiums mehr Interesse für den Beruf des niedergelassenen Arztes zu wecken." Eine Untersuchung habe kürzlich ergeben, dass eine Reihe von Studenten, die zu Beginn des Studiums ihre Zukunft als niedergelassener Arzt sähen, im Laufe des Studiums wieder davon abrückten.
Der Vorstandsvorsitzende der KVBW, Dr. Achim Hoffmann-Goldmayer, ergänzte, trotz aller Konzentrierung zunächst auf die Problematik in der hausärztlichen Versorgung dürfe nicht außer Acht gelassen werden, "dass diese zeitversetzt die fachärztliche Versorgungsebene genauso treffen wird beziehungsweise in Einzelfällen schon heute erreicht hat".
Informationen:
www.kvbawue.de
Quelle: KVBW
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